Gut besucht: Die 16. Peter-Hacks-Tagung an der Humboldt-Universität zu Berlin (Quelle: PHG/Schmidtke)Am 4. November fand in Berlin die 16. wissenschaftliche Tagung zu Werk und Leben von Peter Hacks statt. Unter dem Titel »Die Aussichten im Tunnel – Peter Hacks und die DDR nach Ulbricht« stand Hacks’ Werk und Schaffen in den etwa 15 Jahren zwischen Ulbrichts Entmachtung und dem Ende der DDR im Mittelpunkt der Betrachtungen. Erstmals waren Hacksforscher und -freunde mit dieser Tagung in der Humboldt-Universität zu Berlin zu Gast.

 

Von Sebastian Kaep

Berlin, 08.11.2023.

Mit der diesjährigen wissenschaftlichen Tagung zu Werk und Leben von Peter Hacks waren Hacksforscher und Freunde des Dichters nach Jahren bei der Deutschen Physikalischen Gesellschaft erstmals in der Humboldt-Universität zu Berlin zu Gast. Inwiefern dieser Wechsel an die Universität, und also die Rückkehr Hacksens in den akademischen Kontext eine mögliche Rehabilitierung der DDR-Literatur innerhalb der Wissenschaft andeutet, wird sich noch erst in Zukunft zeigen. Erfreulich und folgerichtig sei die Ortswahl allemal, wie der Germanist und Literaturwissenschaftler Dr. Klaus Rek einleitend befand.

Unter dem Titel »Die Aussichten im Tunnel – Peter Hacks und die DDR nach Ulbricht«, angelehnt an Hacks’ Essay Die Schwärze der Welt im Eingang des Tunnels aus dem Jahr 1990 widmeten sich sechs Referenten und eine Vielzahl interessierter Tagungsteilnehmer Hacks’ Werk zwischen den Jahren 1973 und 1989. Hier finden sich Dramen wie Die Vögel (1973), Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern (1973), Ein Gespräch im Hause Stein (1974), Rosie träumt (1974), Senecas Tod (1977), Musen (1979), Barby (1982) oder Jona (1986). Dazu zahlreiche Essays, die Protokolle der Akademie-Gespräche, Gedichte, Kindergeschichten u. a. m. »Es bricht mit den 70er Jahren eine schwierige Zeit für Hacks an: Er ist nicht mehr verboten, aber auch nicht mehr so glücklich, wie er es zu Zeiten des Verbots war«, hatte Hacks-Verleger Dr. Matthias Oehme in seiner Einladung zu dieser Tagung gesagt. Und so stellt diese Zwischenzeit, d. h. die etwa fünfzehn Jahre zwischen Ulbrichts Tod und dem Untergang der DDR, noch heute eine begrifflich schwer bestimmbare Phase im Leben des Dichters dar. Dass mit dem Bild des Tunnels nichts Schlechtes und erst recht kein Untergang gemeint sein muss, ließ Hacks seine Leserschaft am Ende des bereits genannten Essays wissen, denn

»Das von vielen erwartete und von allen gespürte Weltende hat stattgefunden – und war wieder einmal nicht das Weltende und war wieder einmal bloß das Ende der Zivilisation. Vorher sieht eben alles schlimmer aus.«

Obwohl Hacks künstlerisches Schaffen bis zum Rückzug Ulbrichts staatlicherseits eingeschränkt wurde, seine Theatertexte erst mit dem Amtsantritt Honeckers und der damit einhergehenden Liberalisierung der Kulturpolitik wieder die Möglichkeit erhielten, an den Bühnen der DDR aufgeführt zu werden, beurteilte Hacks den Machtwechsel kritisch.

»Ulbricht leider ist tot und Schluß mit der Staatskunst in Deutschland.«

So heißt es in einem 1973 nur kurz nach Ulbrichts Tod verfassten Gedicht, mit dem Hacks sich gleichsam auf beiden Seiten der Mauer unbeliebt machte. Ein bereits Anfang der 80er Jahre dem Verlag vorgelegter Gedichtband konnte so erst 1988 erscheinen – weil Hacks diese Zeilen nicht herausnehmen wollte.

Im ersten Vortrag »Einführung des Sozialistischen Realismus – warum und wie?« griff Filmhistoriker und Publizist Dr. Detlef Kannapin das Gesprächsprotokoll der Akademie-Sitzung »Über sozialistischen Realismus heute« vom 5. Mai 1978 auf, um Gründe und Notwendigkeiten eines sozialistischen Realismus damals wie heute zu verdeutlichen.

Dass der von Kannapin formulierte Vortragstitel in der heutigen Zeit als eine Anmaßung angesichts des Hegemonialen, d. h. des Kapitalismus, verstanden werden darf, ist keine Zufälligkeit. Mehr noch: Gerade die unverdrängbare Wirklichkeit des kapitalistischen Systems in all seinen Ausprägungen, und also des kapitalistischen Realismus (vgl. Mark Fisher: Capitalist Realism. Is there no alternative?, Winchester 2009), mache eine Debatte über die Einführung eines sozialistischen Realismus als ein entsprechendes Gegenmodell heute umso notwendiger. Dialektisch gefasst: Die Unmöglichkeit der Einführung eines sozialistischen Realismus bei gleichzeitiger Möglichkeit deutet auf einen Widerspruch hin und wie mit Verweis auf Hegel zu wissen ist, gelten Widersprüche als Zeichen des Wahren.

Der Frage, warum und woran der sozialistische Realismus als Staatskunst scheiterte, ging im Folgenden Prof. Dr. Jürgen Pelzer mit seinem Vortrag »Falsche Utopien« nach. Er fokussierte sich hier auf Warnungen Hacks’, die darauf bereits früh angespielt hätten. Dabei stellte der Literatur- und Kulturwissenschaftler – wie in den Vorjahren aus Athen live zugeschaltet – in seinem Tagungsbeitrag zwei der Dramen von Peter Hacks besonders heraus: In »Die Vögel« (1973) und »Rosie träumt« (1974) lassen sich deutliche Warnungen des Dichters vor westlicher »Schwärmgeisterei«, Träumereien, d. h. negativen Utopien bzw. dem Negativen der Utopie erkennen. Indem er Rosie zu Beginn als »Mädchen von der Apo« bezeichnet, drückt Hacks seine klar ablehnende Haltung gegenüber der Neuen Linken im Westen aus. In »Wolkenkuckucksheim«, dem Reich der Vögel, sind Arbeit und Liebe unbekannt. Auch die 68er mit ihrer Vorstellung der sexuellen Befreiung als einer revolutionistischen Emanzipationsbewegung waren für Hacks nichts als schiere Augenwischerei.

Der Soziologe, Philosoph und Literaturwissenschaftler Lukas Meisner vertrat in seinem Vortrag »Sozialistischer Realismus als Statthalter Sozialistischer Klassik im Tunnel: Vom ›Totalität haben‹ im kapitalistischen Sein« die These, dass Kunst unter kapitalistischen Voraussetzungen – womit die damalige kapitalistische Umzingelung der DDR einerseits und der spätere Konsumismus unter Honecker andererseits bereits mit gemeint waren – in dualistischen Kategorien nicht funktioniere. Kunst, so Meisner weiter, sei gebrochen und gestört, solange Totalität nicht realgesellschaftlich mit sich selbst vermittelt sei. Gerade heute in der Zeit des Ultraimperialismus nach dem offiziellen »Ende der Geschichte«, erscheine ausgerechnet Hacks‘ sozialistische Klassik wie eine Insel des Utopismus, wie ein Rückzugsort bzw. ein »Relikt der Zukunft«, womit er spielbar bleibe.

Als »Quasi-Hausherr« übernahm Dr. Ralf Klausnitzer vom Institut für deutsche Literatur an Humboldt-Universität zu Berlin am Nachmittag die Moderation der Tagung. Nahezu enthusiastisch kündigte er als erste Beiträgerin in seinem Block die russische Übersetzerin Dr. Ella Wengerowa aus Moskau an. Aus allgemein gut bekannten Gründen konnte sie nicht persönlich nach Berlin kommen, private Gründe hinderten sie zudem leider auch daran, per Zuschaltung aufzutreten. Stattdessen übernahm es Theaterregisseur Jens Mehrle, den Vortrag »Warum übertrage ich Hacks ins Russische« der abwesenden Übersetzerin zu lesen, die in langem, persönlichem Kontakt mit Hacks stand und daher auf eine Vielzahl an Anekdoten zurückgreifen konnte. So trug Mehrle vom Pult aus einen an die Hacks-Gesellschaft gerichteten Brief Wengerowas vor, in dem sie von ihrer ersten Begegnung mit dem Dichter sprach, von ihrer ersten Übersetzung, die sie viel mehr aus Freude, denn aus akademischer Pflicht oder beruflichen Zwängen heraus unternahm. Warum sie ihn gerne übersetze? Weil er witzig ist, und wenn sie ihn für witzig befände, dann gäbe es gewiss auch andere, die ähnlich empfänden; weil er geistreich sei, und wenn sie ihn für geistreich befände, dann täten das auch andere. Ella Wengerowas Leistung – dank ihrer liegt der überwiegende Teil von Hacks’ Werk in russischer Übersetzung vor – kann nicht hoch genug geschätzt sein.

In seinem frei gehaltenen, äußerst lebhaften wie unterhaltsamen Vortrag »›Ein Bestmögliches und ein Bestwirkliches‹ – Karl Mickel und sein Gedichtband ›Eisenzeit‹ auf dem Prüfstand der Arbeitsgruppe ›Ästhetik‹« nahm sich der Theaterdramaturg, -regisseur und -autor Ralf Meyer exemplarisch zweier Gedichte Mickels an. Schnell wurde klar, dass Meyer dies nicht allein tat, um auf Mickels eigenwilligen Stil hinzuweisen, sondern vielmehr, um in Bezug auf den sich anschließenden Streit mit Hacks das allgemein hohe Niveau der angeführten Kritikpunkte, sowie der Debatte insgesamt hervorzuheben. Im Streit des Akademie-Gesprächs vom 19. März 1979 schien es sich nicht selten um kleinstes, man meine Kleinstigkeiten zu handeln, die für Hacks – stets die Form haltend – als handwerkliche Grundlage zum Wichtigsten zählen. »Inferno XXXIV. Für Kirsten« gilt sogleich als Paradebeispiel Mickel'scher Eröffnung, es beginnt: »Gips-Smog […]« – will sagen: mit einem kaum sprechbaren Wort, wie Meyer ausführt. In »Bier. Für Leising« holpert sich Mickel von Wort zu Wort, beginnt: »Maulfaul, schreibfaul bist du, Richard«. Rhythmusstörungen, beinahe als würde sich jemand aufs Fahrrad setzen und mit dem ersten Tritt die Kette abrattern, bis er auf Höhenmeter Vers zehn (von insgesamt vierzehn) »Aber verbürgt: dreißig, neun Jahre am Fließband« schreibt, d. h. zwei unbetonten Silben die auf zwei betonte krachen, und hierin den Störungsgipfel erreicht. Ein metrisches Maß, will Hacks sagen, zieht immer eine inhaltliche Bedeutung mit sich.

Doch bei aller scheinbar niederschmetternder Kritik, war Hacks im Gesamten mit Mickels Band (Karl Mickel »Eisenzeit. Gedichte«, Mitteldeutscher Verlag, Halle/Saale 1975) zufrieden – was man nicht meinen möchte nach derartiger Kritik – und resümierte: »Wenn man davon ausgeht, daß ein Gedicht heutzutage kaputt sein muß, sind Mickels Gedichte von einer Heilheit, die ich heroisch und die ich nahezu klassisch finde. (…) Denn niemand von uns hat schnell einen besseren Gedichtband zur Hand.« Im Laufe der Jahre zerfällt, so Meyer, Mickels Rhythmik mehr und mehr, Hacks hingegen hält weiter fest an der Form, ein Zerfall habe Meyer in Hacksens Metrik nicht beobachten können. Orthodoxie und Klarheit gehörten somit auch hier, wie in allem literarischen Schaffen Hacksens, zur Mindestmaßgabe.

Zum Abschluss der Tagung befasste sich der Literaturwissenschaftler und Publizist Dr. Kai Köhler mit seinem Vortrag »Hacks‘ ›Jona‹ als Versuch, in miesen Zeiten zu bestehen« mit dem letzten Drama, das Hacks in der DDR schrieb: »Jona«, das am Vorabend der Tagung in einer Inszenierung von Jens Mehrle im Theater Ost Berlin-Adlershof auf der Bühne bestaunt werden konnte. Für Hacks selbst sollte »Jona« (1986) sein letztes – von ihm selbst so bezeichnetes – Drama als ein heiteres Trauerspiel sein. Das Ende der DDR – Hacks spürte es bereits und scheute nicht davor, seine gesammelten Lehren im Ertragen des Unschönen kundzutun. So ist »Jona« kein Stück über »Staatsvernunft, die das Vorhandene regelt« oder »Staatskunst, die ins Mögliche sich dehnt«. Eher und vielmehr handelt »Jona« von deren Gegenteil, der »Staatsschlaubergerei«, die dem »Staat den Grund entzieht«. So taktiert Königin Semiramis, die für Honecker steht, sowohl mit dem verbündeten Babel, wohl gleich der Sowjetunion, wie ebenso mit dem an sich verfeindeten Ararat, will sagen der BRD. Es gibt keinen konkreten Plan, keine andere Perspektive, als die, alles irgendwie so zu lassen, wie es ist: »Diese Stadt Ninive will nichts, nur bleiben; vergehe sie denn!« lässt Hacks Jona sagen und Semiramis darauf entgegnen: »Bleiben, ist das nicht viel?« und Jona wiederum antworten »Viel, wenn man es erreicht. Aber wenn man keinen höheren Vorsatz in seinem Streben hat als bloß den, ist es ein anderes Wort für Tod.«

Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle noch der ursprüglich geplante Beitrag »Ich interessiere mich nicht für Theater. – Peter Hacks auf den Bühnen der DDR nach Ulbricht« von Dr. Silke Flegel erwähnt, die ihren Vortrag aber krankheitsbedingt kurzfristig absagen musste. 

Die »Zwischenzeit« der Jahre zwischen Ulbrichts Sturz und dem Fall der Mauer wurde begrifflich zwar nicht gefasst, bestand aus Lehrstücken, Warnungen, Trauerspielen und immer wieder politisch, stilistischer Verortung des eigenen wie fremden Schaffens; ausdefiniert ist Hacks’ Werk allerdings noch lange nicht, sodass sich treffend dialektisch mit ihm beginnen, wie schließen lässt:

»Von der Welt wird immer wieder einmal angenommen, sie gelange zu einem Schluß. Ein Blick in die Geschichte zeigt, daß sie es nicht tut; andernfalls könnte man ihn nicht werfen. Es gibt keine abschließende Lage.«

 

Abbildungen:

Gut besucht: Die 16. Peter-Hacks-Tagung an der Humboldt-Universität zu Berlin (Quelle: PHG/Schmidtke)