Lukas Meisner
11.00 Uhr
Das Motiv des Geschlechtertauschs, das wir verstärkt seit dem Geschichtszeichen 1968 und spätestens seit dem Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft 1972 in der DDR-Literatur – u.a. bei Hacks und Morgner – finden, zeigt paradigmatisch: Das Geschlecht ist nicht der Leib, aber soziohistorisch eingeschrieben in diesen, was ihn damit zum Körper vergesellschaftet, dem gerade der vermeintlich voluntaristische Geist nicht entfliehen kann.
Die vergeschlechtlichte Vergesellschaftung jedoch ist eine unvermittelt herrschaftliche, patriarchal vermittelte und damit entfremdete, was nicht zuletzt zur Entzweiung von Geist und Leib beiträgt (Butler). Aus den »Leibteilen« Penis oder Vagina folgt nicht Mann oder Frau, doch Mann und Frau folgen, phänotypischer Schikane unterworfen, qua Mann/Frau-Identität einem patriarchalen Muster der Körperlichkeit, in dessen Totalität alle Rollen verteilt und alle Verhaltensweisen determiniert sind (Haug). Identität bedeutet insofern Identität mit der falschen (nicht intersubjektiv eingeholten) Totalität und definiert den Zustand, partikularisierter Partikel ihrer geworden zu sein, Überidentifikation mit dem entfremdeten System, Produkt seiner Entzweiung – in entfremdeter Arbeit an den Körpern permanent reproduziert. Was gegen diese Identitätslogik, die materialiter dem Tauschprinzip nachgemodelt ist (Adorno), nun gerade nicht hilft, ist Identitäts-Politik, die die Palette der Identitäten nur intern pluralisiert, statt das System als solches zu sprengen: Die Dekonstruktion des Binarismus reicht den Leibern zu nicht-entfremdeter Körperlichkeit nicht hin, weil das Patriarchat objektiv so nicht beseitigt, sondern nur diversifiziert und dergestalt weiter subjektiviert wird. Gegen den identitätspolitisch eingehegten liberalen Feminismus, der »Empowerment« als konsumistische Wahl der Atome ihres »jeihrigen« (Stirner) Ornaments in Warenform propagiert, ist darum an der kommunistischen Emanzipation des Menschen und der Menschheit festzuhalten, wie sie von der DDR-Literatur der 70er Jahre zumindest mitunter anvisiert wird. Besagte Emanzipation wäre universal und eo ipso in sich feministisch sowie antirassistisch (Sarbo). Kommunismus als höchste Phase der Emanzipation des Menschen nun verhieße das Ende aller Entfremdung und als solches auch das Ende der Entfremdung des Geschlechts (nicht nur »zwischen den Geschlechtern«), dem eine Verfremdung vom Geschlecht sozialistisch vorausgehen müsste. Die Überwindung der Entzweiung, die in der »Doppelhelix« Kapitalismus/Patriarchat eingeschrieben ist und die DNA der entfremdeten Körper durchwebt (Federici), schließt zudem eine solche entfremdeter Vernunft in Abspaltung von Leiblichkeit (Merleau-Ponty) und entfremdeter Kultur in Abstraktion von Natur ein (Saito). Hacks und Morgners Literatur des Geschlechtertauschs, im Real- oder zumindest Protosozialismus verfasst, ist in diesem Rahmen danach zu befragen, inwiefern sie Geschlecht als Identität und damit das Tauschprinzip bereits projektiv hinter sich lässt und inwiefern die kapitalistisch-patriarchale Matrix doch objektiv in ihr fortwohnt.
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Lukas Meisner ist Fellow am SFB Strukturwandel des Eigentums (Friedrich-Schiller-Universität Jena) und am Institut für Kritische Theorie Berlin (InkriT); ab 2025 ist er Herausgeber von Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften. 2023 schloss er seine Promotion in Philosophie zwischen der Università Ca‘ Foscari (Venedig), dem Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien (Erfurt) und dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte (Berlin) ab. Zu seinen jüngsten Buchpublikationen gehören »Capitalist Nihilism and the Murder of Art« (Aporia, 2020), gemeinsam verfasst mit Eef Veldkamp; »Medienkritik ist links. Warum wir eine medienkritische Linke brauchen« (Das Neue Berlin, 2023); sowie »Critical Marxist Theory. Political Autonomy and the Radicalising Project of Modernity« (Palgrave, 2025). Meisners Novelle »Wrackmente«, erschienen 2024 im Kopf & Kragen Literaturverlag, setzt sich literarisch mit der Polykrise polit-ökologischer Klimata in der »Synekdoche« Venedig auseinander.